Portrait

 

 

 

»Antithese im System«

Ein Beitrag von Clemens K. Thomas in VAN, Webmagazin für klassische Musik, Ausgabe #127.

In welchen Umgebungen finden kreative Prozesse im 21. Jahrhundert statt? Wo treffen verschiedene Vorstellungen von »Kreativität«, verschiedene Kunst-Begriffe und Selbstbilder aufeinander? In dieser Folge: Die »Platform 12« inmitten des schwäbischen Weltkonzerns BOSCH und die Fragen, welches Maß an Chaos und Offenheit dort möglich, warum es gewünscht ist – und: Welche Wirkung die Kunst in einer solchen Umgebung entfalten kann.

„Ende September, bei meinem Besuch in Renningen, erscheint mir die Platform 12 weniger geleckt als in ihrem PR-Video.  ZEIT Campus schrieb einmal über die Platform 12: »Hier soll Chaos herrschen, aufräumen ist verboten – die Unordnung allerdings wirkt wie aus dem Katalog.« Mit dieser Erwartung komme ich an – und bin überrascht, dass der Raum tatsächlich adaptiert wurde: Der »unentdeckte Planet« wird vorübergehend genutzt, um Poster aufzuhängen; vom »Intergalaktischen Couchdoktor« – eigentlich ein Ensemble aus einer lila Couch und einer darüber hängenden lila verkleideten Lampe – wird nur die Couch benutzt, die Lampe hängt allein und etwas unbeholfen in der Gegend. Anders als auf den Pressefotos wirkt der Raum nicht übermäßig inszeniert, vielmehr dynamisch, die Software-Entwicklung würde von agil sprechen.“

Hier geht`s zum ganzen Artikel: https://van.atavist.com/platform-12-thomas

 

Buchvorstellung mit Podiumsdiskussion

Mittwoch, 20. September 19:00 – 22:00 taubert contemporary, Lindenstraße 34, 10969 Berlin

Nach einem Kurzvortrag der Herausgeberin Ulrike Lehmann diskutieren Prof. Carsten Baumgarth, Professor für Marketing an der Hochschule Wirtschaft und Technik, Berlin, Dr. Stephan Frucht, Leiter des Siemens Arts Programm sowie die Konzeptkünstler Maren Geers und Thomas Drescher von der Wimmelforschung, Berlin, über Chancen und Vorteile, Kunst in den Arbeitsalltag von Unternehmen einzubeziehen. Der Eintritt ist frei.

Hier geht`s zum Buch: https://lnkd.in/gDvUeab

 

 

»Wirtschaft trifft kunst«

Ab sofort im Handel erhältlich: »Wirtschaft trifft Kunst – Warum Kunst Unternehmen gut tut« erschienen bei Springer/Gabler, Hrsg. Lehmann, Ulrike, 559 S., 209 Abb., Hardcover. Unter anderem mit einem ausführlichen Beitrag der Wimmelforschung zum Projekt »Platform 12 – Ein Eingriff ins Gesamtsystem« in der Forschung und Vorausentwicklung bei Bosch.

Hier geht`s zum Buch: https://lnkd.in/gDvUeab

 

»Im Gehirn von Bosch – Ein Hauch von Silicon Valley«

Ein Beitrag des SWR über den neuen Forschungscampus von Bosch, Platform 12 und die Zusammenarbeit mit Künstlern. Aus der Sendung: made in Südwest vom 28.06.2017.

„Rund 5 Milliarden Euro steckt Bosch in die Forschung. Und dieses Forschen, dass Visionäre, kommt manchmal anders als erwartet daher. Ganz oben im 12. Stock wächst und gedeiht ein ungewöhnlicher Raum – die Platform 12. Kreativlabor, überdimensioniertes Spielzimmer und Werkstatt in einem. Einfach mal anders denken, werkeln, spielen, ausprobieren und neugierig sein.” (ab Minute 10)

Hier geht`s zur Sendung: http://swrmediathek.de/player.htm?show=1c4c5300-5b1e-11e7-9fa5-005056a12b4c

 

 

»KUNST ALS GESCHÄFTSMODELL, ENTRATIONALISIERUNG FÜR BOSCH UND EIN INTERGALAKTISCHER COUCHDOKTOR«

Ein Interview mit der Wimmelforschung im RKW-Magazin Ausgabe 1/2017. www.rkw-magazin.de

„Wimmelforschung“ – der Begriff bringt einen zunächst einmal zum Lächeln. Ist das ernstgemeint oder ironisch, ist das was für Kinder, die Wortschöpfung eines Comedians oder irgendein ganz neuer Hype? Irritieren, zum Nachdenken anregen, Bestehendes hinterfragen – das ist genau die Art von Reaktionen, die Maren Grees und Thomas Drescher, die Begründer der Wimmelforschung, mit ihrer ungewöhnlichen Projektarbeit erreichen wollen. Sie sind Künstler, aber auch Unternehmer. Ihr Ziel ist es, die Welt zu entkategorisieren – und dazu beizutragen, Unternehmen flexibler und innovationsstärker zu machen. Im Interview erläutern die beiden ihr „Kunst-Geschäftsmodell“ und die dahinterstehende Philosophie.

Hier der ganze Beitrag als PDF: RKW_Magazin_Wimmelnd_Forschen

 

 

 

 

EIN INTERVIEW ZUR „PLATFORM 12″  

von  Sophie- Charlotte Thieroff, Referentin des Programms art, science & business der Akademie Schloss Solitude mit Birgit Thoben, Senior Innovation Manager der Robert Bosch GmbH, Maren Geers und Thomas Drescher (Wimmelforschung) über die gemeinsame Zusammenarbeit und die Schwierigkeit der Begegnung von Kunst, Wirtschaft und Industrie.

Erstveröffentlichung der englischen und deutschen Originalfassungen auf der digitalen Plattform Schloss-Post.com der Akademie Schloss Solitude: http://schloss-post.com/the-art-of-wimmelresearch/

Wir freuen uns, dass es nun endlich online ist, hier die deutsche Fassung:

Mit der Eröffnung des neuen Zentrums für Forschung und Vorausentwicklung, eines neuen Forschungscampus in Renningen, im Oktober 2015, schlägt die Robert Bosch GmbH ein neues Kapitel in ihrer Firmengeschichte auf. Als Knotenpunkt des weltweiten Forschungs- und Entwicklungsnetzwerkes sollen hier durch die Vernetzung technischer und naturwissenschaftlicher Disziplinen neue Technologien erforscht und innovative Fertigungsprozesse entwickelt werden. Teil des Forschungscampus ist der Experimentierraum Platform 12, der den Forschern als kreative Freifläche, Ort der Reflektion und Umgebung dient, in der unabhängig von der Organisationsstruktur des Unternehmens gearbeitet wird. Entwickelt wurde der Raum von der Wimmelforschung, der ehemaligen Stipendiatin im Bereich Darstellende Kunst Maren Geers und dem Bühnenbilder Thomas Drescher, zusammen mit Birgit Thoben, Senior Innovation Manager der Robert Bosch GmbH und Hauptverantwortliche für die Entwicklung von Platform 12 bei Bosch. Besonderes Merkmal des Raums ist die Anwesenheit künstlerischer AgentInnen, bislang StipendiatInnen der Akademie Schloss Solitude, die als indirekte Beobachter und Impulsgeber von außen in die Struktur und Organisation des Unternehmens eingreifen. Ab dem 30. Mai 2016 wird erstmals das Wimmelforschungs-Stipendium öffentlich ausgeschrieben, durch das auch KünstlerInnen aus unterschiedlichsten Disziplinen, die keine ehemaligen StipendiatInnen der Akademie sind, die Möglichkeit erhalten, als AgentInnen auf Platform 12 zu arbeiten.

»Ich bin der festen Überzeugung, dass Bosch für die Zukunft ein neues Ökosystem aufbauen muss. Das heißt für mich auch, dass wir als Bosch nicht alleine bleiben. Wir brauchen Freunde, wir brauchen Mitstreiter, die in diesen Systemen arbeiten, die ihre eigenen Facetten mitbringen, die wir selbst so gar nicht leisten können.« – Birgit Thoben

Sophie-Charlotte Thieroff: Wie kam es zur Entstehung von Platform 12 und der Zusammenarbeit zwischen der Robert Bosch GmbH und der Wimmelforschung?

Maren Geers: Thomas und ich sind mit unserem künstlerischen Unternehmen, der Wimmelforschung, 2013 im Rahmen des Art Coaching-Projekts hier an der Akademie Schloss Solitude durch unseren Coach Giovanni Cornetti, Gruppenleiter der Engineering Air System- Abteilung, zu Bosch gekommen. Giovanni hat uns mit Daniel Oeschger bekanntgemacht, der zu diesem Zeitpunkt bei Bosch seine Dissertation über die Gestaltung von innovationsorientierten Arbeitsumgebungen in der industriellen Forschung geschrieben hat. Ihn haben wir drei Tage lang, unter anderem auch bei einem Innovationsworkshop, begleitet.

Birgit Thoben: Ich habe meine Stelle als Innovationsmanagerin bei Bosch 2014 angetreten und hatte mich bereits vorher mit dem Thema Innovation auseinandergesetzt. Im Rahmen meiner neuen Aufgaben als Innovationsmanagerin gab es auf dem Forschungscampus Renningen eine Fläche reserviert für Innovation, die ich gestalten sollte. Ein Think Tank existierte bereits auf der Schillerhöhe, der umziehen und in dieses Konzept integriert werden sollte. Zusätzlich sollte ein Bereich ausschließlich für Innovationsworkshops reserviert entstehen. Über einen längeren Zeitraum fanden verschiedene Workshops unter anderem auch mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation statt. Es standen also bereits genaue Anforderungen für die Räumlichkeiten fest, die Innovationen begünstigen können. Jetzt ging es darum, wie wir diese diversen Anforderungen bei der Gestaltung umsetzen. Hierfür habe ich alle Ergebnisse zusammengetragen, um das Anforderungsprofil nochmals zu schärfen. Für die Vorbereitung des Workshops zur gestalterischen Umsetzung sagte mir Daniel Oeschger: Nimm als Externe unbedingt Maren Geers und Thomas Drescher dazu! Da Daniel seine Doktorarbeit über die Gestaltung von innovationsorientierten Arbeitsumgebungen geschrieben hat, habe ich dann zugestimmt! Daraufhin haben wir Maren und Thomas eingeladen. Die beiden waren dann ein »Fresh Eye« – im positiven Sinne; etwas ungewohnt Fremdes. Ich habe den Workshop bewusst bereits in Renningen stattfinden lassen, um ein Gefühl dafür herzustellen, was bereits vorhanden ist und was fehlen könnte. Es ging darum, unseren ursprünglichen Ansatz nicht zu duplizieren. Der Raum war noch beeinflusst von der ursprünglichen Architektur, die Deckenstrukturen waren bereits eingezogen und es gab Kommunikationskabinen. Dann kamen Thomas und Maren mit ihren verrückten Ideen, mit denen sie einige der Mitarbeiter während des Workshops doch sehr geschockt haben. Dies ging so weit, dass ich mehrfach gefragt wurde: Das machen wir jetzt aber nicht, oder?

TD: An die Ideen kann ich mich gar nicht mehr erinnern.

BT: Doch, Du hattest eine Theke aus Wackelpudding. Ich bin manches Mal an meine Grenzen gekommen. Weil mir zum einen das Vorstellungsvermögen fehlte mit dem, was Thomas oder Maren zuvor beschrieben haben, umzugehen, noch habe ich ihre Sprache verstanden.

MG (lacht): Für uns war es auch nicht immer leicht.

TD: Dieser Workshop war jedenfalls der wirklich erste ernsthafte Berührungspunkt für uns. Ich fand es sehr gut, dass der Architekt Dirk Steinberg von Anfang an anwesend war, weil er im Lauf der Zeit so etwas wie ein Verbündeter geworden ist, da man doch eine ähnliche Sprache spricht. Ich bin sehr froh, und ich denke Bosch auch, dass dieses erste, sehr Lounge- lastige Konzept verworfen wurde und man sich nochmals auf den Weg gemacht hat. Es ging ja letztlich auch um viel mehr als nur um die Gestaltung von irgendeiner Fläche. Aber das war am Anfang noch gar nicht abzusehen.

SCT: Um nochmals darauf zu sprechen zu kommen, was der Raum darstellen soll und welche Rolle er für den Campus spielt: Was genau ist Platform 12?

BT: Physikalisch beschrieben ist Platform 12 eine Fläche im 12. Stock des Haupthauses auf dem Campusareal in Renningen, bestückt mit Möbeln und Gegenständen, die einem bestimmten Zeitgeist entsprechen, hauptsächlich aus den 1920er bis 1950er-Jahren sowie fremden, erfundenen Objekten. Daneben gibt es eine Bibliothek, dazu einige wenige Designmöbel, zwei Talkterminals, die als Workshop-Räume dienen.

»Emotional geht man in diesen Raum, wenn man nicht weiß, was man sucht. Er steht für das Fuzzy Front End der Innovation. Dort wo man Ideen kreieren kann oder auch auf der Suche ist nach etwas Neuem, das man weder kennt, noch weiß, wie es sich entwickelt.«
– Birgit Thoben

Der Raum ist eine neue Form der Möglichkeit sich zu begegnen, sich auszutauschen und Synergien zu finden. Personen und Wissen anzutreffen, die man sonst nicht getroffen hätte, weil man möglicherweise nicht unbedingt an den gleichen Projekten arbeitet. Durch Inspiration und natürlich auch durch die von Maren und Thomas hineingearbeiteten künstlerischen Elemente, die provozieren, wird man permanent selbst angeregt, umzudenken. Oder Dinge infrage zu stellen, die man vorher einfach durch die Routine außen vor gelassen hat.

MG: Die gesamte Entwicklung des Raumkonzeptes war ein langer Prozess, der auch durch die Reibung im Miteinander geprägt worden ist. Von der Philosophie des Raumes ist das wichtigste Merkmal, dass er versucht, diese Bosch-eigenen Strukturen und Systeme ein Stück weit über Bord zu werfen, um mehr Freiheit zu etablieren, sodass man viel mehr mit dem umzugehen lernt, was nicht linear und berechenbar vor einem liegt.

BT: Der Raum ist ein wirklicher Bruch. Es ist die einzige Fläche, auf der es erlaubt ist auf die Fenster und an die Wände zu schreiben, man verwendet unterschiedliche Materialien, visualisiert Dinge. Die Ideen müssen auch nicht konkret zu einem Ziel führen, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Es wird nicht kontrolliert, man darf kommen und gehen, wann man möchte, man kann sich begegnen, und man hat durch die Lage der Etage – 12. Stock – einen sehr starken Weitblick.

MG: Wesentliches Merkmal des Raumes ist auch, dass er als wandelbares Element angelegt ist, sodass die Mitarbeiter selber nach und nach diesen Raum verändern und weiterentwickeln können und hierdurch folglich etwas völlig anderes entstehen kann. Unser Wunsch ist es, dass wir den Raum selbst zum Beispiel in zwei Jahren nicht wiedererkennen. Unsere Gestaltung und das Konzept sollen anregen und Freiheit eröffnen. Sie soll nicht durch dominantes Design neue Vorschriften etablieren.

TD: In der Gesamtheit ist der Raum eine Erfindung. Und diese Erfindung macht vor allen Dingen eines: Sie fördert den Menschen zutage. Das ist wie ich finde sehr wichtig, denn die Struktur und Organisation bei Bosch verdecken den Menschen. Im Moment lässt unsere Erfindung den Menschen sichtbar werden im Sinne von Angst, Neugierde, Überzeugung.

»Man stößt hier an seine eigenen Grenzen, hat aber gleichzeitig die Möglichkeit, mit ihnen umzugehen, sie zu überschreiten, um über sich selbst hinauszuwachsen.«
– Thomas Drescher

SCT: Welches Interesse bestand für Euch als Wimmelforschung an dem Projekt? Warum war die Gestaltung von Platform 12 für Euch als Künstler interessant?

MG: Wir haben 2013 die Wimmelforschung gegründet, also vor der Zusammenarbeit mit Bosch, mit der Motivation, dass wir als Theaterschaffende viel direkter in der Gesellschaft agieren wollen, vor allem in solchen Bereichen, wo Teile unserer Zukunft maßgeblich mitgestaltet und entschieden werden. Hierfür haben wir dann das, was wir später bei Bosch durchgeführt haben, fiktiv und auf verschiedenen Ebenen durchgespielt. Wir wussten nur nicht, wie wir jetzt an ein Unternehmen kommen.

TD: Nach vielen Jahren der Theaterarbeit ist so ein Projekt natürlich eine ganz andere Herausforderung. Bei Bosch kamen wir in ein totales Nichts, die Strukturen dort sind eben nicht so, dass wir beide sofort hätten loslegen können. Wir mussten uns alles gemeinsam mit Birgit erst Stück für Stück erarbeiten. Das Entscheidende war vor allem, dass alles, was wir dort gemacht haben, unmittelbar Konsequenzen hatte. Mit unserer Arbeit haben wir wirksame Verschiebungen im Alltag der Forscher vorgenommen. Diese direkte Wirksamkeit ist meiner Meinung nach auch ein gravierender Unterschied zum Theater.

MG: Ich glaube auch, dass die Bereiche der Wirtschaft und Kunst trotz ihrer oft gegensätzlichen Ansätze sehr viel voneinander lernen können. Hierin liegt viel Potenzial für unsere Zukunft, da wir uns völlig neuen Problemen stellen müssen und ich glaube, dass man diesen Problemen nur gewachsen ist, wenn sich unsere Gesellschaft mit ihren Werten, Zielen, Systemen und Strukturen komplett verändert. Es geht um die Bewegung hin zu einer Wissensgesellschaft, in der man die Dinge neu zusammendenkt.

BT: Ich bin der festen Überzeugung, dass Bosch für die Zukunft ein neues Ökosystem aufbauen muss. Das heißt für mich auch, dass wir als Bosch nicht alleine bleiben. Wir brauchen Freunde, wir brauchen Mitstreiter, die in diesen Systemen arbeiten, die ihre eigenen Facetten mitbringen, die wir selbst so gar nicht leisten können. Der Standort Renningen ist sehr jung, er wurde erst vor Kurzem im Oktober letzten Jahres eröffnet. Hier sind zum ersten Mal alle Forscher an einem Standort, die vorher im Großraum Stuttgart verteilt waren. Viele begegnen sich in Renningen zum ersten Mal. Für diesen Austausch bietet Platform 12 einen völlig neuen Rahmen, weil man hier die Möglichkeit hat, zusammen etwas zu gestalten und zu erarbeiten, ohne die Bestimmung, dass die Mitarbeiter vorher etwas reservieren oder irgendwo um Erlaubnis fragen müssen. Und durch die Kunst bekommen wir Impulse und Ideen.

»Gerade durch die Gespräche mit den KünstlerInnen haben wir festgestellt, dass die Herangehensweise eines Künstlers an dieselbe Sache eine völlig andere ist. Sie stellt für uns eine deutliche Ergänzung dar und erweitert unseren Horizont.« – Birgit Thoben

Es muss sich zeigen, wie dieser Einfluss in der Realität umgesetzt wird. Es ist bemerkbar, dass sich etwas verändert. Wie es sich dann aber verändert und sich später manifestiert, das ist im Moment völlig offen.

TD: Ich finde Bosch hat eigentlich genug Ideen. Die Menschen, die dort arbeiten, sind sehr kreativ. Die Frage ist nur, wie diese Ideen sichtbar gemacht und bewertet werden. Ich für meinen Teil würde sagen, dass es nicht an der Ideengenerierung an sich mangelt, sondern, dass das Problem eher darin liegt, dass diese Ideen und der Arbeitsprozess eines jeden Mitarbeiters nicht immer strukturkonform sind und Hürden überwunden werden müssen, die oftmals so groß sind, dass die Umsetzung der Ideen letztlich daran scheitert.

SCT: Das Mobiliar von Platform 12 ist etwas sehr Besonderes, es ist alt. Warum habt ihr in dieser Art und Weise den Raum gestaltet und welche Ideen standen dahinter? Kann man die Möbel als Gegenstand bezeichnen, mit dem man arbeitet, oder sind sie eine Form von sozialer Skulptur?

TD: In dem vorher bereits angesprochenen ersten Workshop zur Entwicklung des Raumes wurden bestimmte Ideen und Bedarfe artikuliert. Vor allem hinsichtlich der Tatsache, dass in der Forschung extrem digital gearbeitet wird. Maren und ich vertreten dagegen die Meinung, dass das haptische Wissen vor dem digitalen Wissen kommt, von daher war es uns wichtig, dass in dem Raum auch haptisch gearbeitet werden kann. Unser Ansatz ist es, die Welt begreiflich zu machen und sie handzuhaben. Das geht nur, indem ich die Dinge anfassen kann, statt sie digital auf meinem Tablet PC von links nach rechts zu wischen. Diese sinnliche Erkenntnis ist für uns wesentlich, deshalb sind die Möbelstücke eher »rough«.

BT: Die Besonderheit des Raums bemerkt man gleich von Anfang, wenn man den Raum betritt, beispielsweise mit Marens Türgriff. Auf dem gesamten Campus gibt es nur metallene Türgriffe. Wenn man sie anfasst, haben sie alle dieselbe Form, sie sind kalte Metallgriffe. Maren hatte Leder-Lenkrad-Band um diesen Türgriff gewickelt. Und wenn man ihn dann angefasst hat, war es plötzlich weicher, man spürte praktisch die Reflektion der Wärme der eigenen Haut. Manche sind durch diesen Unterschied zurückgeschreckt. Die Leute haben wie als wenn sie ein Hindernis überwinden zu Anfang einen Schritt über die Schwelle gemacht, obwohl nichts auf dem Boden war, es war eine ebene Fläche. Aber man merkte wirklich, dass sie bewusst einen Schritt in den Raum machten. Ich glaube, dies ist das Talent von Maren, subtile Elemente zu integrieren, die man nicht bewusst wahrnimmt und die einen trotzdem irritieren oder stören. Ein anderes Beispiel ist der unentdeckte Planet, der so wie er gestaltet ist – ich hoffe, ich tue Euch nicht unrecht – nicht wirklich einen Sinn hat. Es ist keine Erklärung über die Welt, wir finden nur etwas Neues, weil sie offen ist. Der Planet sieht sehr ästhetisch aus, er hängt im Raum, er irritiert, aber das Besondere an ihm ist: viele stehen davor – Kollegen, die sich nicht kennen, die sich aber nach dem Sinn des Objekts fragen.

»Durch den Planeten haben sie einen Ankerpunkt im Gespräch. Und dadurch können sie plötzlich, weil sie einen Grund haben, miteinander sprechen und kommen über diesen Ankerpunkt von diesem unentdeckten Planet zu einem ganz anderen
Gesprächsthema.« – Birgit Thoben

TD: Dadurch, dass der unentdeckte Planet sinnentleert und unerforscht ist, kann er ja überhaupt erst entdeckt und mit Sinn aufgeladen werden.

BT: Ja, ein ähnliches Phänomen passiert auch immer beim Intergalaktischen Couchdoktor. Maren hat einen Film produziert, in dem er beschrieben wird: Man legt sich auf die Couch und vergisst alles, man ist frei in seinen Gedanken, man erzeugt das Nichts im Kopf. Und manches Mal liegt da auch wirklich jemand unter dieser lila Lampe und guckt an die Decke. Es gibt natürlich auch solche Mitarbeiter, die sich fragen, was das denn genau soll. So wurde ich beispielsweise angesprochen: »Frau Thoben, gibt es jetzt UV-Strahlung? Da müssen wir vorsichtig sein!« Und ich antworte: »Nein, das sind nur Röhren mit Farbfolien.« Ich habe das Rätsel um diese Lampe nicht aufgelöst, die praktisch schon so einen Touch hat wie ein Solarium, aber keines ist; über diesen Couchdoktor sind intensive Gespräche entbrannt über UV-Strahlung, über Energiesparsamkeit, Energieeffizienz, optimale Lichtausbeute, von wirklich allen technischen Horizonten. In der Aufregung wurde ich dann zum Schluss gefragt: »Ja, was soll denn das jetzt nun?« – Dann sage ich: »Sie sollen miteinander reden, kommunizieren, es soll sie provozieren.« Danach war das Gespräch plötzlich wieder gestorben, nach dem Motto: »Ich bin ertappt.« Irgendwann mussten alle lachen und das nahm wiederum diese Ernsthaftigkeit des Moments, es wurde weitergeredet und wir hatten genau das erreicht, was wir wollten.

MG: Uns war auch wichtig, dass die Objekte und Möbel eine Identität und Geschichte haben, um dadurch Vielschichtigkeit zu transportieren. Auf diese Weise erzeugen die Dinge mehr Atmosphäre und Lebendigkeit, schaffen zugleich unterschiedliche Anknüpfungspunkte und bleiben nicht nur schickes, oberflächliches Design. So entstehen verschiedene Möglichkeiten und Ebenen der Annäherung. Das lässt sich vielleicht mit den Falten und Narben eines Menschen vergleichen, die von einem gelebten Leben erzählen und neugierig machen. Wir haben aber bewusst Systeme und Strukturen irregeführt. Beispielsweise mit dem Black Box Regal, das eigentlich dazu da ist, Ordnung zu schaffen und Sachen zu lagern. Aber gleichzeitig besteht es aus so vielen Schubladen, dass wir nie das wiederfinden, was wir eigentlich gesucht haben. Und dadurch wird so eine Ordnung, die ein Regal ursprünglich erzeugen soll, negiert. Oder das Black Board, wo notierte Ideen fremd gepuzzelt werden können, und man so die Logik, die man eigentlich mitbringt und mit der man arbeitet, selbst durchbrechen, hinterfragen und nochmals anders nutzen kann.

TD: Dass Menschen Ideen haben, ist das eine, aber sie müssen sie natürlich auch irgendwie aus ihrem Kopf herausbekommen. Deshalb haben wir versucht eine Möglichkeit zu schaffen, die es erlaubt, dass Kollege A nachvollziehen kann, was Kollege B an dem Tisch gemacht hat, weil er seine Ideen eben dort liegen lässt und man sie wie eine Art Spur verfolgen kann. Es geht immer auch um Wege der Sichtbarmachung.

SCT: Stieß der Raum in seiner Entwicklung auch an Grenzen?

BT: Natürlich musste man alle Sicherheitsanforderungen einhalten, wie die Prüfung der Geräte oder die Begrenzung der Anzahl der Mitarbeiter, die auf die Platform dürfen, da der Raum keine Versammlungsfläche ist, sondern ein Arbeitsraum. Es ist eine ausgewiesene Sonderfläche, dadurch gibt es auch Sonderlösungen. In der Summe waren für die Umsetzung 80 Leute beteiligt, die allesamt an ihre Grenzen gegangen und Dinge möglich gemacht haben, die in der Regel nie möglich gewesen wären.

SCT: Ein weiteres Element ist die Präsenz einer/s künstlerischen Agentin/en, die/der in Kooperation mit der Akademie Schloss Solitude eingesetzt wird als Impulsgeber von außen. Worin besteht für Euch die Wichtigkeit dieser Anwesenheit von KünstlerInnen auf Platform 12?

BT: Jede/r Mitarbeiter/in kann sich den Raum aneignen. Platform 12 lebt selbstständig, ich sage mittlerweile, es ist ein eigener Organismus. Der Raum ist nicht wirklich kontrollierbar, ein Experiment. Als Mitarbeiter/in bleiben wir in unseren Mustern und wären nicht veranlasst, diese Muster aufzugeben, wenn wir nicht Impulse von außen erhalten würden. Erst dadurch, dass jemand da ist, der stört, kommen wir aus unseren Handlungsmustern heraus. Vom äußerlichen Erscheinungsbild würde ich sagen unterscheiden sich KünstlerInnen nicht sehr von Bosch-MitarbeiterInnen, aber vom Habitus, was er oder sie macht und wie es gemacht wird, und zwar sehr deutlich!

»Für das ganze Projekt halte ich die Anwesenheit einer künstlerischen Persönlichkeit überhaupt für das wesentlichste und wichtigste Merkmal. Erst dadurch erzeugt man Reibung und Differenz, in der sich dann letztendlich das, worum es eigentlich geht – nämlich Möglichkeiten – überhaupt zeigen. Ich denke, dass dies gerade der Lernprozess für Bosch ist, für die Menschen dort, dass sie hierfür eine Sensibilität, eine Achtsamkeit entwickeln.« – Thomas Drescher

MG: Eine externe Person ist per se unberechenbar, zum einen, weil sie Mensch ist und zum anderen, weil sie fachfremd ist. KünstlerInnen sind dadurch, dass sie reflektierte Persönlichkeiten sind, als AgentInnen eine Idealbesetzung. Damit sich aber der eigene Möglichkeitsspielraum erweitern kann, ist zunächst Offenheit und eine respektvolle Begegnung nötig. Wenn man versucht die Arbeit des anderen zu begreifen, können ungeahnte Verzahnungen und Vernetzungen gemeinsam oder innerhalb der eigenen Arbeit stattfinden. Das kann Möglichkeiten eröffnen, mit denen niemand rechnet.

SCT: Dies wäre dann auch ein Unterscheidungsmerkmal zu anderen Projekten und Artist-in Residence-Programmen, die ja bereits bestehen.

MG: Ja, ich glaube, das ist der entscheidende Unterschied. Dort verhalten sich die Künstler zu Ideen und Themen mit denen das Unternehmen arbeitet. Darum geht es bei uns gerade nicht. Bosch betreibt in dem Fall keine klassische Künstlerförderung, es ist kein Artist in Residence- Programm. Die ausgewählten Künstler haben keine Aufgabe, kein Projekt mit dem sie auf Platform 12 erscheinen. Uns ist wichtig, dass sie sich zu dem verhalten, was sie beobachten – zu den Menschen, den Strukturen und Systemen. Das was hier gefördert wird, ist eine Art, neu zu denken, gemeinsam zu denken, zu beobachten und auch zu provozieren.

»Es geht um ein Denken, das sich erweitern und verändern muss. Die Person lebt und wirkt in diesem Raum, geht in Interaktion mit den Mitarbeitern. Wie sie die Arbeit gestaltet, ist völlig frei. Und auch der Zeitpunkt; oder womit. Die Überraschung ist das entscheidende Moment«. – Maren Geers

BT: Ja, ein Öffnen im Denken, eine Bereitschaft, noch mehr Offenheit zu generieren. Wir sind ein Technologiekonzern, es gibt viele Mitarbeiter mit einem technischen Hintergrund. Dass es auch andere Facetten und Bereiche gibt, auf die wir mit unserer Technik Einfluss haben, die wir möglicherweise aber nicht wahrnehmen, kann die künstlerische Arbeit sichtbar machen. Auch wenn es nur eine Provokation ist, sie kann anregen zum Denken.

TD: Der entscheidende Unterschied zu einer Artist in Residence oder zu einem Künstlerförderungsprogramm ist der, dass bei dem Projekt nicht der Werkcharakter im Vordergrund steht. Das Ergebnis der Zusammenarbeit ist nicht, dass der/die Künstler/in am Ende ein Kunstwerk abliefert, das vielleicht einen thematischen Bezug zum Unternehmen hat, stattdessen ist der gemeinsame Prozess das Werk.

SCT: Ein weiterer Punkt, den wir bereits angesprochen haben, sind die Begriffe des Scheiterns, des Zufalls und der Fehlertoleranz, die ja alle Bestandteil der künstlerischen Praxis sind.

BT: Wir machen die Fehlertoleranz durch den/die Künstler/in sichtbarer. Wir brauchen Fehlertoleranz, auch für uns. Auf Platform 12 besteht nicht die Erwartungshaltung, dass man eine ausgereifte Idee visualisiert haben muss oder soll. Zwar hat man als Bosch-Mitarbeiter/in im ersten Schritt noch die Erklärung »Er/sie ist der Künstler«, aber die AgentInnen sind ja bei uns im Umfeld direkt und auf dem Campus, in der Firma. Ich hoffe, dass irgendwann ein Funke überspringt und bei den MitarbeiterInnen der Mut kommt, zu sagen, ja, ich darf das auch.

SCT: Um Platform 12 innerhalb des Forschungscampus sichtbar zu machen, habt ihr als Wimmelforschung zwei Aktionswochen veranstaltet, die unter anderem dazu aufforderten, gemeinsam das Nichts und die Orientierungslosigkeit zu suchen und die Freiheit des Denkens zu üben. Was steht hinter dieser für ein Industrieunternehmen sehr untypischen Sprache und wie haben die Mitarbeiter diese Aktionen aufgenommen?

MG: Wir haben am Ende der Entstehungsphase von Platform 12 nochmals unsere Arbeit reflektiert, und sind zu dem Schluss gekommen, dass es genau darum geht, Leere und Orientierungslosigkeit zuzulassen und das Sinnlose wertzuschätzen sowie Zeit scheinbar zu »verschwenden.« Ich glaube, das ist die größte Angst, die in so einem Unternehmen bei MitarbeiterInnen vorherrscht. Mit zwei Aktionswochen wollten wir konsequent die Philosophie von Platform 12 und somit auch unsere Arbeit transportieren und im Unternehmen etablieren. Deswegen haben wir die zweite Kommunikationswoche »Das Nichts und die Leere, die Orientierungslosigkeit und das Weiss« genannt. Die erste Woche hieß »Die Freiheit im Denken.« Für beide Kommunikationswochen haben wir verschiedene Veranstaltungen und Überraschungsaktionen im Unternehmen konzipiert und veranstaltet. Eine der für mich spannendsten Aktionen bestand darin, gemeinsam mit einer Gruppe von MitarbeiterInnen, unter anderem mit Herrn Kirschner von der Geschäftsleitung, das »Nichts« im Unternehmen Bosch zu suchen. Lustig war, dass es plötzlich für uns selbst extrem schwierig wurde, während der Aktion keine sinnvollen Antworten auf Fragen zu geben. Wir haben viele MitarbeiterInnen angesprochen, uns zu helfen, die Orte des Nichts, der Leere und der Orientierungslosigkeit auszumachen. Es war sehr interessant, einige MitarbeiterInnen haben uns spannende Geschichten erzählt. Es gab aber auch andere, bei denen man richtige Schweißausbrüche bemerkt hat, wenn sie antworten sollten. Sie waren vollkommen irritiert über das, wonach wir suchten und haben vehement abgestritten, dass es das Nichts, die Leere und die Orientierungslosigkeit bei Bosch überhaupt gibt. Wir haben uns immer sehr gefreut, wenn wir ein seltenes »Nichts«, etwas Sinnloses, gefunden haben. Genau durch diese Leere und nur wenn eine »Freifläche« besteht, ob nun real oder im Kopf, können Fülle und neue Gedanken und Ideen ja überhaupt entstehen.

»Leere und Orientierungslosigkeit zuzulassen und das Sinnlose wertzuschätzen sowie Zeit scheinbar zu ›verschwenden.‹ Ich glaube, das ist die größte Angst, die in so einem Unternehmen bei MitarbeiterInnen vorherrscht.« – Maren Geers

SCT: Würdet ihr sagen, dass die Mitarbeiter sich durch diese künstlerischen Aktionen verändert haben, dass sie anders arbeiten? Oder ist das zu früh gefragt?

BT: Viel zu früh. Die Mitarbeiter fangen erst langsam an, in dem Raum zu arbeiten. Sie eignen sich den Raum an, stellen sich die Tribüne an einen bestimmten Platz, schreiben an die Tafeln, schreiben an die Scheiben, nehmen Papier, fangen an zu gestalten. Diejenigen, die noch nicht soweit sind, beobachten den Raum erst einmal, sind neugierig, staunen. Wir kommen gerade in eine Phase, in der sich die Mitarbeiter, die den Raum bereits als Arbeitsraum nutzen, über die Zuschauer beschweren. Platform 12 besteht aus der »Base« mit ca. 450 m2, die künstlerisch gestaltet wurde, dem »Think Tank« und zwei »Talk Terminals« mit insgesamt 950 m2. Wir haben allerdings rund 1.400 Mitarbeiter fest am Platz, die niemals gleichzeitig in dem Raum arbeiten könnten. Also müssen wir eine Art Kommen und Gehen entwickeln, genau das, was es auch sein soll. Bei einigen ist der Mindset noch so, dass ich nicht arbeite, wenn ich in den Raum gehe – was völlig falsch ist. Es ist Arbeit, es wird als Arbeit von Bosch anerkannt und ist von der Geschäftsleitung auch so gedacht. Es wird häufig die Frage gestellt, ob man den Raum für die Freizeit nutzen kann. Das ist nicht unsere Intention, sondern es ist Arbeitszeit für Gestaltung. Mit Arbeit wird häufig noch das ganz klassische Bild verbunden: Ich sitze an meinem Schreibtisch, erarbeite Dinge an meinem Computer. Dieses Grundprinzip, wie man es vor 20, 30 Jahren hatte, gilt in Renningen und auch woanders nicht mehr. Arbeit verläuft heutzutage in sehr flexiblen Formen, jeder hat ein Smartphone, wir haben an allen Orten WLAN, es stehen Laptops zur Verfügung, man kann überall auf dem Campus arbeiten, auch auf der Platform 12. Wir müssen weg von diesem historischen, klassischen Denken und das bereitet vielen noch Schwierigkeiten.

»Was ich sehr wertschätze, ist, dass wir als MitarbeiterInnen einen Raum zur Reflektion und den Freiraum erhalten, aus dem Getriebenen, der Schnelligkeit, der Anforderung am Markt heraustreten zu dürfen, in eine ganz andere Welt zu treten, um sich zurückzunehmen und nochmals zu reflektieren.« – Birgit Thoben

SCT: Und von der Seiten der Wimmelforschung? Wie wurden die Aktionen aufgenommen? Was habt ihr an Erfahrungen mitgenommen?

MG: Wir haben gemerkt, dass es einen sehr hohen Gesprächsbedarf gibt. Sobald die Mitarbeiter an Diskussionen andocken konnten und sie sich nicht kontrolliert fühlten, kamen sehr wichtige Themen zur Sprache. Hier war es gut, eine Fläche für einen gemeinsamen Austausch zu schaffen, obgleich sich dadurch natürlich nicht unbedingt Lösungen für alle ergaben. Es hat sich aber dadurch zum Beispiel auch eine Gruppe gefunden, die sich zukünftig regelmäßig mit ethischen Fragen bezüglich ihrer Arbeit austauschen will, was ich toll finde. Allein, dass Diskussionen innerhalb des Unternehmens ausgelöst werden, ist für uns das wichtigste, dadurch beginnt der Raum zu leben. Auch die negative Kritik an Platform 12 ist eine sehr wichtige, wenn sie nicht existieren würde und möglich wäre, hätten wir unser Ziel verfehlt.

TD: Ich denke, dass vor allem die Begegnung zwischen den Menschen wichtig ist. Ich glaube nicht, dass es nur um ein Verhältnis zur Kunst geht, sondern vielmehr darum, dass Verschiebungen im Denken, in der Wahrnehmung, auch in der Artikulation, entstehen. Und wenn die Leute sich negativ darüber äußern, kann das unter anderem auch daran liegen, dass sie an ihre Grenzen kommen. Das ist meiner Meinung nach eher positiv, denn jenseits dieser Grenzen wartet das Neue, beginnt Freiheit. Was sich abzeichnet, ist, dass nicht jeder bereit ist, diese Grenzen auszuloten, geschweige denn zu überschreiten. Jeder hat die Freiheit, für sich selbst zu entscheiden, wie weit er oder sie gehen möchte. Es ist ein Prozess, jeder Mensch braucht eine gewisse Zeit sich zu entwickeln, um über sich selbst hinauszuwachsen, deshalb ist eine Bewertung im Moment noch zu früh.

SCT: Vor welchen Herausforderungen meint ihr steht das Projekt seit der Inbetriebnahme?

MG: Eine wichtige Herausforderung ist es, sicherzustellen, dass die Philosophie von Platform 12 richtig verstanden und kommuniziert wird. Bei einer Zahl von 1.400 Mitarbeitern ist dies einfach schwierig. Die Gefahr besteht, dass der Raum durch den Gebrauch zu etwas anderem wird. Wir müssen also sicherstellen, dass sich der Raum und die Philosophie konsequent in die richtige Richtung weiterentwickeln.

TD: Der Raum an sich ist natürlich in erster Linie eine gebaute Architektur, er ist keine Philosophie. Er kann die Philosophie vielleicht versinnbildlichen. Als Herausforderung ist es erstens wichtig, sich immer wieder zu fragen, was denn überhaupt die richtige Richtung sein kann, denn ich glaube, das wissen wir oft gar nicht. Die zweite Herausforderung besteht darin, dass man unabhängig von dieser Architektur, von der Gestaltung dieses Raumes, die Möglichkeit des Dialogs hat, des Dialogs über ein Denken, das die Welt, die eigenen Überzeugungen, Sinn und Sinnlosigkeit und das Menschsein an sich anbetrifft – und in diesem konkreten Fall das Menschsein bei Bosch. Das kann der Raum natürlich nicht allein leisten.

»Menschen, die sich über Jahre hinweg sozialisiert haben, die sich angepasst haben auf eine für sie bestimmte Art und Weise, die ein eigenständiges Subjekt geworden sind, diese Menschen verändert man nicht von heute auf morgen. Und man verändert sie schon gar nicht, indem man einfach einen Raum zur Verfügung stellt. Dafür braucht es eine kontinuierliche Auseinandersetzung. Das bedeutet immer wieder zurückgeworfen werden, zu hinterfragen, zu scheitern. Und gerade aus diesem Scheitern, aus den Fehlern zu lernen.« – Thomas Drescher

MG: Wenn man will, dass die Menschen durch die Platform 12 über sich hinauswachsen, muss auch die Plattform, finde ich, über sich hinauswachsen. Der Ort sollte sich auch konsequent verändern und weiterentwickeln, in eine ganz andere Dimension, die wir jetzt gerade alle nicht vorhersehen können, die wichtig ist, die mit Sicherheit auch wieder einen Input von außen braucht. Dass das ganze Konzept immer wieder über sich hinauswächst.

BT: Was ich sehr wertschätze, ist, dass wir als MitarbeiterInnen einen Raum zur Reflektion und den Freiraum erhalten, aus dem Getriebenen, der Schnelligkeit, der Anforderung am Markt heraustreten zu dürfen, in eine ganz andere Welt zu treten, um sich zurückzunehmen und nochmals zu reflektieren. Und wenn es auch nur für eine halbe Stunde, zwei Stunden ist. Das ist etwas sehr Besonderes, was dieser Raum erst möglich macht. Im Büro oder auf dem Campus unter den immer gleichen Rahmenbedingungen ist dies sehr schwierig.

SCT: Für euch als Wimmelforschung, was habt ihr aus dem Projekt gelernt für Eure Praxis?

TD: Wir sind auf jeden Fall gewachsen. Ich bin zum Beispiel dahingehend gewachsen, dass man nicht so schnell aufgeben darf, dass es total wichtig ist, Maren als einen Partner zu haben, auf den man sich verlassen kann. Maßgebend war auch, dass wir Birgit kennengelernt haben. Meiner Ansicht nach ist es für Bosch sehr wichtig und wertvoll, jemanden mit dieser Sensorik nach außen zu haben. Und natürlich, dass wir im Sinne eines Zukunftsdenkens eine ganz konkrete Gestaltungsmöglichkeit gefunden haben, deren Wechselwirkung unmittelbar ablesbar ist. Dazu muss ich nicht in die Zukunft denken, ich tue das im Hier und Jetzt, indem ich mich auf eine Unvorwegnehmbarkeit einlasse, deren Rahmen ich gestalten kann. Es geht bei dem Projekt nicht um die Kunst an sich, sondern um etwas Neuartiges, das dort entsteht, in diesem Austausch, in diesem Zusammendenken, das sich auch schwer in Worte fassen lässt. Ich könnte es im Moment nur so beschreiben, es geht darum, wimmelnd zu forschen.

MG: Wir haben auch gelernt, unsere Arbeit in Worte zu fassen. Befähigt zu sein, zu kommunizieren wie wir arbeiten, wie wir das erreichen können, was wir wollen. Es war ein Prozess, der uns gelehrt hat, den Wert unserer Arbeit immer besser selber benennen zu können. All den Beobachtungen und Reflektionen des letzten Jahres eine gestaltete, visuelle Form geben zu können. Für mich war es auch eine wichtige Erfahrung, dass man in fremden Bereichen viel kleinere Schritte gehen muss. Kleine Dinge reichen aus, um etwas auszulösen. Anfangs hab ich viel größer gedacht. Einerseits finde ich es schade, dass man so behutsam agieren muss, andererseits wird es dadurch auch leichter, Dinge zu bewegen. Es war und ist ein ständiger Spagat zwischen mutigem, provokantem und sensiblem Handeln. Und wir haben viel über das Unternehmen gelernt, die Strukturen, Systeme, Regeln und Ordnungen, die dominieren und leider auch für die Mitarbeiter zu einem Handicap werden können. Wie in all dem unsere eigene Zukunft mitgestaltet und geprägt wird. Durch das Projekt habe ich aber auch den Wert der Kunst deutlich stärker schätzen gelernt, zu sehen was die Kunst kann.

SCT: Welche Visionen und Möglichkeiten bestehen für das Projekt Platform 12 in der Zukunft?

BT: Ich möchte, dass Platform 12 nicht nur Platform 12 bleibt. Es wäre ein Wunsch, die Platform 12 als eine Art Muttersatellit zu etablieren, der mit vielen Töchtern an anderen Orten von Bosch verbunden ist. Es gibt bereits andere Kreativräume in den Geschäftsbereichen, die zum Austausch an den Raum andocken könnten. Wir arbeiten aktuell daran, die internationalen Research Technology Center an Platform 12 anzuschließen, damit der Raum im schwäbischen Hochhaus nicht allein bleibt, wir eine Anbindung zur Welt erhalten, sodass wir in die Welt hinausschauen können und die Welt zu uns herein. Zusätzlich planen wir, dass es in abgewandelter Form in den Research Technology Centern ähnliche Räume gibt, die sich dann irgendwann vernetzen. Wie und in welchem Rahmen dies passiert, ist noch nicht beschlossen. Vielleicht gibt es dann irgendwann eine Platform 7, eine Platform 8, 6 und 3.

TD: Uns fasziniert der Gedanke von einem weltweiten, agentenbasierten Netzwerk, das aus KünstlerInnen in Unternehmen besteht. Ich bin davon überzeugt, dass durch die Begegnungen unterschiedlicher Disziplinen und Denkweisen ein Wissen entstehen kann, das von unschätzbarem Wert ist. Denn genau an diesen Schnittstellen sehe ich ein extrem großes Potenzial zur Ausgestaltung unserer Welt.

MG: Und dass sich der Begriff »wimmelnd forschen« etabliert. Das er benutzt wird für eine Art und Weise zu arbeiten und zu denken, als ernstzunehmender Ansatz für ein subjektives Weltverständnis, einem Weg, zu einer bestimmten Haltung zur Welt zu gelangen.

BT: Was wir in dem Zusammenhang auch langfristig brauchen, hinsichtlich des Netzwerks, hinsichtlich der Dinge, die im Raum stehen, die Art und Weise wie die Menschen auf sie reagieren, ist der Bau eines Ökosystem um dieses Ganze, das die Räume miteinander verbindet, die Agentennetzwerke miteinander verbindet. Ein System, das einen Austausch der Dinge in den Räumen schafft, sodass sich Veränderungen ergeben; das einen Austausch verschiedener Nationalitäten durch die Räume hindurch bewirkt, die sich gegenseitig beeinflussen können. Wenn man ein Netzwerk hätte, wenn man es schaffen würde, erst im Konzern und dann vielleicht auch außerhalb des Konzerns Dinge miteinander zu vernetzen, Freunde zu gewinnen, wirkliche Mitstreiter, auch jene Dinge, die man darin lernt, erfährt, sieht, tauscht, dies kann etwas ganz Großes werden.

»Ich bin davon überzeugt, dass durch die Begegnungen unterschiedlicher Disziplinen und Denkweisen ein Wissen entstehen kann, das von unschätzbarem Wert ist. Denn genau an diesen Schnittstellen sehe ich ein extrem großes Potenzial zur Ausgestaltung unserer Welt.« – Thomas Drescher

SCT: Die Akademie Schloss Solitude lebt natürlich diesen Austausch und diesen Netzwerkgedanken. Welche Art von weiteren Partnern könntet ihr Euch vorstellen, die das Projekt mitttragen?

MG: Ich träume ein bisschen davon, dass noch ganz andere Partner hinzukommen, wie z.B. ein Altersheim. Damit noch mehr Fremdes dazustößt. Das darf ruhig richtig absurd werden. Aber die Akademie ist mit all ihrem Wissen und den Erfahrungen unabdingbar.

SCT: Muss der Partnern ein Verständnis von der Arbeit zwischen den Disziplinen mitbringen, das wir als Programm art, science & business täglich praktizieren, oder ist es nicht nötig, dass Kenntnisse in dieser Transferleistung vorliegen?

TD: Ich glaube, das ist schon zu konkret gedacht. Die Idee mit dem Altersheim hat vor allen Dingen seine Berechtigung, weil es diese Fremdartigkeit und Offenheit beinhaltet, dieses störende Etwas, das per se erst mal nicht dazugehört. Die Ausrichtung des Programms art, science & business trifft dies natürlich total, gerade weil es ja zwischen den Disziplinen changiert, aber ich könnte darüber zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen.

SCT: Würdet ihr sagen, dass die Kunst der erste Schritt zu dieser Offenheit ist?

TD: Eine Leistung der Kunst ist es, Nicht-Sprachliches und Unvorwegnehmbares, Unerklärbares sichtbar zu machen. Ich denke aber unabhängig von der Kunst geht es natürlich darum, Fragen zu formulieren, was, wie ich finde, ungemein schwierig ist.

BT: Die richtige Frage zu formulieren. Und was ist dann die richtige Frage?

TD: Wenn man sich überlegt, dass Fragen ja letztlich ein Paradox sind, im Sinne von Frage und Antwort, dann wird es schwierig, Fragen ohne Antworten zu denken, aber genau das ist die Kunst, genau darum geht es. Fragende Menschen zu treffen, und die findet man überall, nicht nur in der Kunst.